inm berlin e.V.

 
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PETITION

Erklärung der INM zur Petition und zu den Marketingmaßnahmen (English version below) (Weitere Stellungnahmen der Senatskulturverwaltung und Antworten der INM weiter unten)
 
Grundsätzlich begrüßen wir jede Initiative, der freien Neuen Musik durch intelligente Marketingmaßnahmen neue Möglichkeiten und andere Perspektiven zu erschließen.
 
Wir halten es aber für völlig kontraproduktiv, diese Maßnahmen mit Mitteln zu finanzieren, die für die konkrete künstlerische Arbeit vorgesehen sind.
 
Nachdem ein großer Teil der Gelder des Kultursenats für die freie Musikszene in den kommenden Jahren bereits in die Kofinanzierung eines Netzwerkprojektes gesteckt wird, von dem nur wenige Akteure und Künstler aus der Szene direkt profitieren, macht die neu geplante Kürzung mehr als 30% der verbliebenen Gelder aus, die bisher den Künstlern direkt zugute kamen.
 
Berlin ist gerade auch im Bereich der Neuen Musik berühmt für die spezielle Vielfalt der freien Szene und übt in seiner Einzigartigkeit und Atmosphäre eine große Anziehungskraft für Künstler und Besucher aus der gesamten Welt aus. Diese Wirkung prägt das Außenbild der Stadt in beträchtlichem Maße und ist zu einem wesentlichen Teil der Arbeit der beteiligten Künstler zu verdanken. Sie leisten trotz der geringen Fördergelder Enormes – nicht zuletzt auch im Bereich Marketing in eigener Sache. Die hierfür bereits jetzt unzureichenden Mittel weiter zu kürzen, würde viele Aktivitäten direkt betreffen und damit die Vielfalt und Qualität der bisherigen Arbeit gefährden. Dies wäre das Gegenteil dessen, was der Senat beabsichtigt.
 
Unmittelbare Auswirkungen der Maßnahme sind schon jetzt der Wegfall der Berliner Kompositionsstipendien, die Kooperationen von Komponisten und Ensembles förderten sowie eine existenzbedrohliche Situation bzw. das Aus für die Berliner Klangwerkstatt und viele Ensembles, wie z.B. das Ensemble Mosaik.
 
In einer ersten Reaktion haben die Mitglieder der INM und viele andere direkt Betroffene, die in ihrer Gesamtheit die Szene fast vollständig repräsentieren, in überwältigender Übereinstimmung ihr Entsetzen bzw. ihre große Sorge über das Vorhaben geäußert. Wir bitten daher im
Namen aller Beteiligten um Unterstützung, den Senat davon zu überzeugen, dass eine Finanzierung von Marketing-Maßnahmen aus Projektmitteln der denkbar schlechteste Weg ist, der freien Neue-Musik-Szene in Berlin zu helfen. Bitte unterzeichnen Sie unsere Petition an
den Senat http://www.ipetitions.com/petition/PetitionBerlinerSenat2009 und/oder senden Sie ein Schreiben mit Kopie an die Initiative Neue Musik (info at inm-berlin.de) an folgende Adresse:
 
Der Regierende Bürgermeister von Berlin
Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten
Herrn Volker Heller
Brunnenstrasse 188 -190
10119 Berlin
 
Prof. Orm Finnendahl
für den Vorstand der Initiative Neue Musik Berlin e.V.
 
Explanation by the INM of this petition and our reaction to the planned marketing measures
 
We generally welcome any initiative which through intelligent marketing measures helps open new possibilities and provides new perspectives for the independent new music scene. However, we view the idea of funding such marketing measures with means which are intended for concrete artistic work as utterly counterproductive.
 
After seeing a large portion of the money from the Senate for Culture intended for the independent new music scene for the coming years already earmarked to co-finance a network project which will only benefit a very few artists from this scene, this newly planned reduction amounts by more than 30% of the remaining funds which previously had been available to the artists in order to finance projects.
 
Berlin's independent new music scene is renowned for its uniquely broad variety and this is something which exerts considerable attraction worldwide upon creative artists and visitors to the city. This attraction has become an integral part of Berlin's image and this is due in considerable measure to the work of the artists active in the independent new music scene. These artists are able with very limited funds to produce artistic works with extraordinary efficiency, including as well the marketing of their own projects. Cutting the already inadequate funding for the independent new music scene even further would directly affect many activities and thus endanger the quality and variety of work in this area. Such cuts would thus achieve the opposite of what the Senate's intention is.
 
Among the results of these funding cuts which already have taken place are the loss of Berlin composition fellowships, which advance the cooperation between composers and ensembles, the loss of institutions such as the Berlin Klangwerkstatt and existence-threatening situations for many ensembles, such as for example Ensemble Mosaik.
 
In an initial reaction, the membership of the INM and many other directly involved artists, together comprising virtually the entire scene, in overwhelming agreement expressed their revulsion at this proposed measure and also expressed their dire concerns regarding this proposed undertaking. We therefore ask, in the name of all involved artists and institutions, that you support us in our effort to convince the Senate that paying for marketing measures using funds intended for artistic projects is the worst possible way to try and help the independent new music scene in Berlin. Please sign our petition to the Senate http://www.ipetitions.com/petition/PetitionBerlinerSenat2009 here and/or send a letter with a copy to the Initiative Neue Musik (info at inm-berlin.de) to the following address:
 
Der Regierende Bürgermeister von Berlin
Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten
Herrn Volker Heller
Brunnenstrasse 188 -190
10119 Berlin
 
Prof. Orm Finnendahl
Managing committee Initiative Neue Musik Berlin e.V.
 
Stellungnahme der Senatskulturverwaltung:
Dezember 2008
 
Was können wir für die Neue Musik tun?
 
Was in der bildenden Kunst gelungen ist, hat die Neue Musik noch lange nicht erreicht: Akzeptanz bei den Kulturinteressierten. Sie pflegt – sieht man von überregionalen Festivals wie Maerzmusik ab – in Berlin ihr Nischendasein.
 
Wenn die Musikerinnen und Musiker in Berlin wenigstens von der Neuen Musik leben könnten! Aber auch das ist nicht der Fall.
Das sollte nicht nur die Förderer zum Nachdenken anregen.
 
Aufgabe öffentlicher Kunstförderung ist es, die künstlerische Produktion und die Kunstvermittlung zu unterstützen. Da die Kulturverwaltung Steuermittel für die Kulturförderung einsetzt, muss sie den Erfolg der Förderung regelmäßig nachweisen. Wir fragen uns: Wie nachhaltig ist heute die Förderung von Konzerten im Bereich der Neuen Musik? Wäre sie nachhaltiger, wenn es gelingen würde, aus dem kleinen Kreis der Kenner einen größeren Kreis der Kenner zu machen?
 
Die Bundeskulturstiftung glaubt daran. Sie fördert seit 2008 über das von der INM erwähnte neugegründete Netzwerk bundesweit die Vermittlung Neuer Musik. Bei der Förderung wurde der Antrag des Berliner Zusammenschlusses „Ohrenstrand“ bewilligt, der Antrag der Initiative Neue Musik wurde leider nicht berücksichtigt.
 
Die Rechnung des vielgescholtenen Marketingprojekts ist einfach: Wenn zu einem Konzert nicht 30 sondern 60 ZuhörerInnen kommen, werden zusätzliche Einnahmequellen erschlossen. Wenn es nicht gelingt, dass der Neuen Musikszene nach drei Jahren mehr Geld zur Verfügung steht als vorher, ist das Projekt gescheitert. Ist es den Versuch wert?
 
Ist es ein Naturgesetz, dass eine Musikreihe, die jährlich mit 90.000 € vom Senat gefördert wird, ca. 1.000 zahlende BesucherInnen und maximal 50 ZuhörerInnen pro Konzert erreicht, wobei insbesondere die MusikerInnen nach dem Prinzip der Selbstausbeutung arbeiten?
 
Die Kulturverwaltung sucht kompetente Gesprächspartner, die bereit sind, Ideen zu diskutieren und nicht ausschließlich darauf beharren, dass alles beim Alten bleiben müsse – nur mit mehr Geld.
 
2009 betragen die Fördermittel für E-Musik 641,650 €. Es handelt sich dabei ausschließlich um Projektmittel. Davon bekommt die INM 236.350 €, die sie zum Teil für ihre Geschäftsstelle verbraucht und zum Teil weitergibt (172.000 €). Leider gibt es bisher keine Basisförderung für Ensembles, die eine kontinuierliche Arbeit erleichtert. Deshalb konnte das Ensemble Mosaik bisher auch keine regelmäßige Förderung erhalten. Wie könnte eine Ensemble-Förderung in Berlin aussehen?
 
Zurück zum Marketing-Projekt: Der Plan ist, für 3-4 Jahre eine Anschubfinanzierung von 100.000 € aus den Projektmitteln zur Verfügung zu stellen und zu versuchen, sie mit Mitteln aus dem Europäischen Strukturfonds in Höhe von 100.000 € zu kofinanzieren. Das Konzept dafür liegt erst im Februar vor. Das ist der Zeitpunkt darüber zu diskutieren. Wir laden Sie gern dazu ein!
 
Christiane Zieseke
Referatsleiterin Förderung von Künstlerinnen, Künstlern, Projekten und Freien Gruppen
Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten
 
Stellungnahme der INM zum Schreiben von Christiane Zieseke:
„Was können wir für Neue Musik tun“?

 
Sehr geehrte Frau Zieseke,
 
wir müssen Ihnen zustimmen: die Neue Musik hat (in Berlin wie in allen anderen Teilen dieses Landes und der Welt) bisher noch keine so breite Anhängerschaft gefunden, wie sie verdient. Das hat verschiedene Gründe. Manche davon sind jeder zeitgenössischen und wegweisenden Kunstform (im Übrigen auch der inzwischen viele Jahrhunderte alten, schon immer hoch subventionierten Theater-, Konzert- und Opernkultur) immanent und hier nicht zu erörtern. Wir fragen uns jedoch an dieser Stelle: Inwiefern muss der etablierte Kulturbetrieb „den Erfolg der Förderung regelmäßig nachweisen“ und welche Konsequenzen hat das für die millionenhohen Subventionen?
Die freie Neue-Musikszene Berlins erschließt seit vielen Jahren auf immer professionellerem Niveau neue Zuschauerkreise und Spielstätten und genießt weltweit durch Ihre Vielfalt einen einzigartigen Ruf.
 
Wir befürchten in der von Ihnen geäußerten Haltung ein prinzipielles Missverständnis: Viele der Akteure in der freien Neuen Musikszene Berlins sind hochprofessionell. Sie beschäftigen sich nicht deshalb mit Neuer Musik, weil sie nicht in der Lage sind, in Bereichen zu arbeiten, die finanziell lukrativer sind, oder eine momentan höhere gesellschaftliche Wertschätzung erfahren (in diesen Bereichen arbeiten viele von ihnen übrigens schon aus finanziellen Gründen zusätzlich regelmäßig), sondern deshalb, weil sie von der zukunftsweisenden Bedeutung, der Qualität und der Notwendigkeit ihrer Arbeit überzeugt sind, die über das unmittelbar Vermarktbare weit hinausgeht.
Dafür sind sie bereit, mit erheblich niedrigeren Gagen Vorlieb zu nehmen, als sie dies andernorts gewohnt sind und auch, vor einem kleineren Publikum aufzutreten.
 
Das zeugt von großem Idealismus und keineswegs von mangelnder Professionalität.
 
Gerne wollen wir jedoch gemeinsam mit Ihnen darüber nachdenken, wie man der freien Neue-Musikszene Berlins durch gezielte zusätzliche Förderung eine noch größere Akzeptanz und Nachhaltigkeit verschaffen kann.
 
Netzwerke und Marketing sind dafür nach unserer Einschätzung ein sehr geeignetes Mittel.
 
Die INM hat Anfang 2007 wie „Ohrenstrand“ und andere auch ein umfassendes Netzwerkkonzept zur Vermittlung Neuer Musik erarbeitet und die Senatskulturverwaltung darüber sowohl schriftlich als auch in Gesprächen regelmäßig auf dem Laufenden gehalten. Der Konzeptentwurf des Antrags liegt der Senatskulturverwaltung seit 05.02.2007 vor, die Endfassung folgte wenig später. Der Antrag wurde, wie Sie erwähnen, „leider nicht berücksichtigt“.
 
Sie gehen davon aus, dass eine deutliche Erhöhung der Zuschauerzahlen der freien Neue-Musikszene zusätzliche Einnahmequellen verschafft.
 
Da die Projektförderung der Senatskulturverwaltung in den allermeisten Fällen eine Fehlbedarfsfinanzierung ist (Beispiel: „Unerhörte Musik“) würde eine deutliche Mehreinnahme durch steigende Besucherzahlen weder den Musikern zugute kommen noch den Veranstaltern Neuer Musik, sondern lediglich die Zuwendung der Senatskulturverwaltung reduzieren. Eine eindeutige Absicht, das somit „eingesparte“ Geld wieder Projekten der freien Szene direkt zukommen zu lassen und damit dem angesprochenen „Prinzip der Selbstausbeutung“ entgegen zu wirken, ist bisher nicht erkennbar. Somit ist das erklärte Ziel der Senatskulturverwaltung, der Neuen Musikszene innerhalb von drei Jahren durch das Marketingprojekt mehr Geld zur Verfügung zu stellen, unserer Meinung nach nicht erreichbar – zumal das Marketingprojekt zur Hälfte aus den ohnehin geringen Mitteln kofinanziert werden soll, die bisher der Produktion von zu vermarktender Kunst zur Verfügung standen.
 
Sie spielen in Ihrem Schreiben auf die „Unerhörte Musik“ an – seit 20 Jahren Deutschlands einzige wöchentliche Konzertreihe für Neue Musik. Die angegebene Fördersumme ist korrekt, die Zuschauerzahlen liegen hingegen um ein Drittel höher – mit sichtbar steigender Tendenz. Zum Thema Selbstausbeutung siehe oben.
 
Der Kulturverwaltung steht die INM seit jeher als kompetenter Gesprächspartner zur Verfügung und tut dies auch weiterhin. Bedauerlicherweise hat die Senatskulturverwaltung dieses Gesprächsangebot in letzter Zeit nicht genutzt. Selbstverständlich sind wir bereit, Ideen (siehe Netzwerkantrag: Aufbau des „Berliner Klangkörpers für Neue Musik“, Abonnement-System, das Anfang 2009 mit einer geringen Anschubfinanzierung hätte starten können etc.) zu diskutieren und beharren keineswegs darauf, „dass alles beim Alten bleiben müsse – nur mit mehr Geld“.
 
Zu den angesprochenen Fördermitteln 2009. Von den der INM zur Verfügung stehenden Mitteln in Höhe von 236.350 € werden ca. 22.000 € in den fünf mal jährlich erscheinenden Konzertkalender für Neue Musik investiert, ca. 172.000 direkt in geförderte Projekte und die verbleibende Restsumme fließt in die Geschäftsstelle - Miete, Bürokosten, und Gehalt eines Geschäftsführers mit einer 2/3 Stelle.
 
Verschiedene Basisfördermodelle für Ensembles in der Stadt (auch mit Beteiligung der geringen INM-Projektmittel) sind innerhalb des Vereins und auch mehrfach mit der Senatskulturverwaltung diskutiert worden. Leider hat sich die Senatskulturverwaltung nicht zu einer finanziellen Beteiligung an den erörterten Konzepten durchringen können. Unsere Gesprächsbereitschaft halten wir auch in dieser Hinsicht gern aufrecht.
 
Zum Marketing-Projekt: Bereits im Round-Table-Gespräch am 08.12.2008 sowie in den Protesten zahlreicher einzelner Kulturschaffenden als auch wichtiger Institutionen, z.B. Rat für die Künste, Akademie der Künste, Sophiensaele u.v.a. (bisher 620 Unterschriften bei der Online-Petition der INM und etwa 200 auf den Unterschriftenlisten) wurde klar, dass die Szene sowie Kulturpolitiker (siehe Brigitte Lange, SPD) ein Marketingprojekt auf Kosten der Projektförderung auf breiter Basis ablehnen. Wenn das „Ziel der Marketinginitiative ist, die Akteure zu unterstützen“ (siehe Antwort Kleine Anfrage Nr. 16 i. A. André Schmitz vom 29.12.2008), dann wäre es doch angemessen, deren Bedenken ernst zu nehmen und eine Lösung zu finden, die auf eine größere Zustimmung stößt.
 
Wer könnte etwas dagegen haben, „die Szene für neue Musik nachhaltig zu stärken und zu stabilisieren“? Selbstverständlich begrüßt die INM als Vertreterin der freien Szene alle sinnvollen Maßnahmen, die darauf hinzielen. Gern warten wir daher den Entwurf des Marketing-Konzeptes ab, um darüber konstruktiv im großen und kleinen Kreis zu diskutieren.
 
Der Vorstand der Initiative Neue Musik Berlin e.V.
18.1.2009